Historisches Bild
Im antiken Griechenland wurde der Schutz der Stadt symbolisch durch ein hölzernes Standbild der Göttin Pallas Athene gewährleistet, das der Sage nach aus Troja stammte. Später begann man, den Ausdruck Palladium für Bilder oder Reliefs zu verwenden, denen eine schützende Funktion zugeschrieben wurde. Ein Metallrelief der Jungfrau Maria mit dem Jesuskind, das der Überlieferung nach von dem heiligen Methodius über die heilige Ludmila bis zum heiligen Wenzel gelangt sein soll, wurde als Gegenstand besonderer Schutzkraft verehrt und man begann, von ihm als dem Palladium des böhmischen Landes zu sprechen. Es wurde zum Vorbild für eine Reihe gotischer Bilder, zu denen auch die Sankt-Veits-Madonna gehört. Eine getreue Kopie davon, in Tempera auf drei mit Hanfleinwand bespannten Tafeln aus Alpenkiefer gemalt, besaß auch der Edelsteinschleifer Dionysio Miseroni. Das Bild war an seinem Haus an der Ecke Altstädter Ring und Železná-Gasse ausgestellt, und während der schwedischen Belagerung im Jahr 1648 beteten die Prager davor um die Rettung der Stadt. Damals trug es der Bürgermeister Mikuláš František Turek von Strumfeld und Rosenthal entlang der Stadtmauern und auf die Karlsbrücke, um die Verteidiger zu ermutigen. Nach dem Friedensschluss schrieben die Prager ihren Sieg den Fürbitten der Jungfrau Maria zu.
Die Säule wurde in den Jahren 1650–1652 mit Unterstützung von Kaiser Ferdinand III. errichtet, der sie als Votivgabe für die „Verteidigung und Befreiung der Stadt“ verstand. Die bildhauerische Ausstattung leitete Jan Jiří Bendl, der erste große tschechische Barockbildhauer. Sein bildhauerisches Werk gehört zu den frühesten Barockwerken in den böhmischen Ländern. Zugleich wurde diese Säule zur ersten Mariensäule in Böhmen. Sie wurde an der Stelle errichtet, an der sächsische Soldaten im Jahr 1632 nach der Besetzung Prags das Palladium, das sie in Stará Boleslav geraubt hatten, grob entweihten.

Wie schnell und mit welchem Ernst der Bau begonnen wurde, belegt ein Eintrag vom 22. April 1650 im Gedenkbuch der Prager Altstadt. Das Dokument verzeichnet den Beschluss des Stadtrats, der Dionýs Misseroni, einen bedeutenden Verwalter der kaiserlichen Sammlungen, mit der Bauaufsicht betraute. Der Grundstein wurde bereits am 26. April 1650 gelegt. Der Eintrag besagt ausdrücklich, dass die Säule als Dankgebet für die Rettung der Stadt errichtet wurde – nicht nur als Kunstwerk, sondern als Ausdruck kollektiver Erinnerung und geistlicher Dankbarkeit. Das Bild, das mit den Fürbitten für die Rettung der Leben der verteidigenden Prager in Verbindung steht, wurde in den heiligen Raum in der Mitte der Säule gestellt. Darin unterscheidet sich die Prager Mariensäule deutlich von den älteren Mariensäulen nördlich der Alpen – der Münchner auf dem Marienplatz (1638) und der Wiener auf dem Am Hof (1647) – was sie unter den Mariensäulen in eine völlig einzigartige Kategorie einreiht.
Während der preußischen Belagerung Prags im Jahr 1757 traf eine Kanonenkugel den Teufel bezwingenden Engel und zertrümmerte diese Statue. Im 19. Jahrhundert füllte eine neuzeitliche Nachbildung ihren Platz, die jedoch beim Austausch des korinthischen Kapitells aufgrund seiner Verwitterung durch einen Balken des Holzgerüsts schwer beschädigt wurde. Die Mariensäule stand 268 Jahre lang auf dem Altstädter Ring, bis sie am 3. November 1918 von einer Menge eingerissen wurde. Diese machte sich dann zur Karlsbrücke auf, mit der Absicht, die dortigen Statuen in die Moldau zu werfen, woran sie jedoch die bewaffnete Wache hinderte. Die Atmosphäre der ersten Tage der ausgerufenen Republik war voller Euphorie, aber auch antiklerikaler Stimmungen. Schon kurz nach dem Einreißen der Säule entstanden erste Bemühungen um ihre Wiederherstellung, die vor allem von katholischen Vereinen getragen wurden. Diese Initiativen scheiterten jedoch, weil die politische Vertretung der Ersten Republik stark kirchenfeindlich eingestellt war und die öffentliche Debatte von historischen Mythen belastet war. Diese wurden später zur Grundlage der kommunistischen kirchenfeindlichen Propaganda, die sie noch verstärkte.

Die Wiederherstellung der Mariensäule im 21. Jahrhundert wäre auch ohne diese historischen Belastungen außerordentlich anspruchsvoll gewesen. Sie erforderte eine Kombination aus sorgfältiger Sammlung zeitgenössischer Dokumente und Archivfotos, archäologischen Untersuchungen, Vermessungen und modernen statischen Berechnungen. Die Planer und Restauratoren nutzten erhaltene Fragmente aus dem Lapidarium des Nationalmuseums, alte Zeichnungen, Beschreibungen und zeitgenössische Fotografien. Jedes Detail musste mit größtmöglicher Treue rekonstruiert werden, von den Proportionen bis zur Oberflächenstruktur. Moderne Technologie ermöglichte es, einen geeigneten Ersatz für den ursprünglichen Sandstein aus nicht mehr existierenden Steinbrüchen zu finden, während traditionelles Steinmetz- und Bildhauerhandwerk sicherstellte, dass das Endergebnis dem Barockoriginal getreu entspricht.
Die Mariensäule steht heute also nicht nur als Erinnerung an die barocke Frömmigkeit, sondern auch als Zeugnis ihrer tiefen Verwurzelung in der Geschichte Prags. Ihre Geschichte verbindet mittelalterliche Marienverehrung, Barockkunst, die dramatischen Ereignisse der Jahre 1632, 1648, 1757 und 1918 sowie das Bemühen um die Wiederherstellung des nationalen Gedächtnisses, das nicht mehr durch kommunistische Zensur eingeschränkt wird. Die Mariensäule steht heute wieder als Symbol der Kontinuität der Werte, die auf dem griechischen Denken, dem römischen Recht und der christlichen Ethik beruhen – eine Kontinuität, die nicht einmal die Schrecken, die das gesamte 20. Jahrhundert prägten, zu durchbrechen vermochten.